• Sonja Stirnimann

Non-Compliance und Fraud: Ambivalenz kostet

Die Kosten für Fraud und Non-Compliance werden unterschätzt. Symptomatisch. Die Ursachen für Fraud ignoriert. Eine davon ist die Ambivalenz der Akteure. In Organisationen genau so wie in der Gesellschaft als Ganzes.


Die Gemeinsamkeit der Motorradfahrer und CEOs


Sie gehen Risiken ein. Das ist die Kurzfassung. Wie dies geschieht beruht jedoch auf einer anderen Tatsache. Beleuchten wir den Begriff Risiko etwas näher und finden heraus, dass dieser oft falsch verwendet wird.

Risiken sind keineswegs nur negativ. Im Gegenteil. Sie bergen die Möglichkeit eines sogenannten Upside und Downside.

Im Falle eines Motorradfahrers ist das Upside der Genuss eines Gefühls, welches durch das individuelle Fahren erlebt wird. Ein durchwegs positiver Effekt. Das Downside zeigt auf, was passieren kann – die negativen Effekte.


Der Motorradfahrer lenkt. Er geht das Risiko im Bewusstsein des Up- und Downside ein. Der CEO? Meine Erwartungshaltung ist die gleiche. Das Eingehen von Risiken in vollem Bewusstsein. In meiner täglichen Arbeit als Expertin für Governance, Risk und Compliance mit Verwaltungsräten und Geschäftsleitungsmitgliedern sieht dies oft anders aus.


Wer lenkt? Wer sitzt auf dem Sozius?


Rein hierarchisch und organisatorisch betrachtet, lenkt der Verwaltungsrat ein Unternehmen strategisch und die Geschäftsleitung operativ. So weit so gut. An all diejenigen Leser, die entweder selbst Motorrad fahren oder sich fahren lassen: Was ist der Unterschied zwischen der Position als Fahrer und der als Mitfahrer?


Der Fahrer geht Risiken ein. Der Mitfahrer auf dem Sozius setzt sich einer Gefahr aus.

Appliziert auf die Unternehmenswelt bedeutet dies, dass es auch hier immer Fahrer geben muss. Oder haben Sie schon einmal ein fahrendes Motorrad entdeckt, welches nur mit einem Mitfahrer unterwegs war, ohne Fahrer? Umgekehrt funktioniert absolut unproblematisch.

Wer übernimmt nun welche Position im Unternehmen? Im besten Fall entsprechend der jeweiligen Verantwortung.


Die Entscheidung für die Gefahr


Wir alle wechseln in unseren unterschiedlichen Rollen zwischen Fahrer und Mitfahrer. Mitfahrer Vertrauen dem Fahrer zu einem höheren Masse – in der aktuellen Situation – als umgekehrt. Mitfahrer setzen sich der Gefahr aus und übergeben die Verantwortung. Der Fahrer übernimmt die Verantwortung. Ein oft stilles – jedoch einstimmiges - Abkommen für ein gemeinsames Unternehmen. Ein schlechter Deal? Auf keinen Fall! Das Risiko für ein genussreiches Unterfangen. Risikomanagement wie es intuitiv umgesetzt wird.


Setzen sich Mitarbeitende der Gefahr aus, dass der Verwaltungsrat unfähig ist, die Unternehmensstrategie zu definieren oder die Geschäftsleitung diese operativ nicht umsetzen kann? Ja. Auch dies kein schlechter Deal, sondern eine Tatsache, die sich die Fahrer der Unternehmen bewusst sein sollen. Mitarbeitende setzten sich auf den Sozius des Unternehmens und übernehmen in ihrem Verantwortungsbereich die Rolle des Fahrers.


Der Ambivalente Fahrer – die Gefahr für das Unternehmen


Mein Appell an die Verantwortungsträger auf Stufe Verwaltungsrat, Aufsichtsrat, Geschäftsleitung und Vorstand: sich der Verantwortung als Fahrer bewusst bleiben. Good (Corporate) Governance auf sämtlichen Stufen. Zu oft sehe ich, wie sich Geschäftsleitungsmitglieder oder auch einzelne Verwaltungsräte auf den Sozius setzen. Statt die Unternehmensroute mitzugestalten, klammern sie sich an einen fiktiven Fahrer. Ohne zu wissen wohin die Reise gehen soll und warum man diese Route wählt. Sie stellen mit ihrem Verhalten eine grosse Gefahr für Unternehmen und für die Vertrauen schenkenden Mitarbeiter dar.


Die ambivalente Haltung von Verantwortungsträgern gegenüber Risiken und Gefahr kostet das Unternehmen nicht nur im monetären Sinne. Das Vertrauen und die Reputation – eine bei Verlust schier bezifferbare Grösse – gilt es als höchstes Gut zu schützen.


Ein Fahrer, der mitten auf der Route unterbricht, absteigt und vom nicht qualifizierten Mitfahrer implizit fordert seine Rolle zu übernehmen ist nicht das, auf was sich der Mitfahrer beim Entscheid, sich der Gefahr auszusetzen, eingelassen hat. Das gilt auch in Unternehmen.

In dem Sinne – entscheiden wir uns bewusst für die Rolle als Fahrer und Mitfahrer unter Berücksichtigung unserer Fähigkeiten und Verantwortung.


Ihre

Sonja Stirnimann


PS: Einst begeisterte Motorradfahrerin, setze ich mich auf keinen Sozius.



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