• Sonja Stirnimann

Die Hypothesenarbeit: Schachzug der Strategen

Unabdingbar ist sie – die Hypothesenarbeit - bei der Wahrnehmung von Verantwortung. Unabhängig davon, ob es darum geht, Strategien im beruflichen, sportlichen oder privaten Umfeld zu erarbeiten. Doch wie bewusst und clever setzen wir dieses Werkzeug ein? Nutzen wir sie als strategischen Schachzug? Aus meiner Erfahrung im Umgang mit Verantwortungsträgern besteht Luft nach oben.


«Need to know» - Prinzip oder wer muss wie informiert sein?


Wir sprechen vom sogenannten «need to know»-Prinzip. Jedem wird nur so viel gesagt, damit die Vertraulichkeit gewahrt und die Arbeit erledigt werden kann. Dieses Prinzip hat insbesondere im Zusammenhang mit sensitiven Themen seine Berechtigung. Bei Sachverhaltsermittlungen ist dies ein absolutes «Must» Kriterium. Oder sollte es zumindest sein. Die Vertraulichkeit ist umfassend sicherzustellen.


Für uns als Team bei internen oder externen Sachverhaltsaufklärungen ist diese Vorgehensweise Standard. Zumindest für diejenigen, die Erfahrung auf diesem Gebiet der Arbeit mit hochsensitiven Daten mitbringen. Die anderen werden spätestens dann zum ersten Mal mit diesem Prinzip vertraut gemacht. Doch wie erklären wir das unseren neuen Teamkollegen? Die Neugier des Menschen ist hoch. Die Gratwanderung besteht darin, die Effizienz der Untersuchung zu steigern, ohne die Vertraulichkeit aufs Spiel zu setzen.


Anspruchshaltung: Informationen – her damit!


Ein Praxisbeispiel aus jüngster Zeit, welches mir bei meiner Arbeit als Expertin für Non-Compliance und Wirtschaftskriminalität zugetragen wurde, zeigte mir einmal mehr die unterschiedlichen Erwartungshaltungen der verschiedenen Stakeholder auf. Insbesondere der Anspruch auf Informationen seitens Teammitglieder steht im Fokus. Ein Team ist nur so stark wie das schwächste Mitglied. Diesem Umstand gilt in Ausnahmesituationen verstärkte Aufmerksamkeit zu schenken.


Praxisbeispiel: passiv-aggressiv fordernd kam seitens des Kollegen die Ansage, allumfassend Informationen erhalten zu wollen über die einzelnen Gedankengänge der Ermittlungsleitung. Man beachte: der Kollege ist zum ersten Mal in eine Sachverhaltsermittlung eingebunden; gut ausgebildet in anderem Fachbereich; hohes Statusbewusstsein; akademisch-militärische Gesinnung; hoher Führungs- und Aufmerksamkeitsanspruch.


Das Bedürfnis, alles wissen zu wollen, über alles informiert zu sein und überall miteinbezogen zu werden, kann aufgrund der Persönlichkeitsmerkmale nachvollzogen werden. Wie geht die Ermittlungsleitung mit diesem Anspruch um? Wie wird die Vertraulichkeit, das «need to know»-Prinzip sowie die Integration des Kollegen sichergestellt und aufrecht erhalten?


Wissen ist Macht. Informationen ohne Wissen eine Gefahr.

Effizienz oder Vertraulichkeit?


Die Ermittlungsleitung ist unter anderem dafür verantwortlich, dass die von der Investigationsstrategie abgeleiteten Massnahmen zur Klärung des Sachverhaltes umgesetzt werden können im Team. Dazu gehört auch die laufende Auswertung von Informationen, Hypothesenbildung und Allokation von Aufgaben. Eine Sachverhaltsermittlung läuft erfahrungsgemäss nicht gradlinig, sondern wird mit jeder neuen – für den Sachverhalt relevanten – Information neu beurteilt und falls notwendig adjustiert. Wie bereits im Beitrag über Soziogramme im Detail erläutert, wird das Bild mit kleinen Puzzlesteinen vervollständigt. Informationen sind Teil davon.


Die neuen Erkenntnisse gilt es im Rahmen des «need to know»-Prinzipes in das Team und deren Aufgabestellungen zur Klärung des Sachverhaltes einfliessen zu lassen. Allfällige Anpassungen der Hypothesen sind so zu kommunizieren, dass das einzelne Teammitglied falls notwendig die eingeleiteten Massnahmen anpassen kann.


Hypothesen gilt es zu testen. Auf die Besonderheiten der Hypothesenarbeit gehe ich separat noch vertieft ein – jedoch nicht heute. Nicht jede Hypothese erweist sich als zielführend für die Klärung des Sachverhaltes. Darum erlaube ich mir, als Verantwortliche für die Sachverhaltsabklärung, einer neuen Hypothese einen Augenblick alleine nachzugehen, um zu prüfen, ob es sich lohnt, dass bereits bestehende Hypothesen angepasst werden.

Und nein, diesen Gedankengang muss ich definitiv nicht mit jedem einzelnen Teammitglied teilen. Es handelt sich oft um einen kurzen Zeitraum von wenigen Minuten – maximal ein paar Stunden. Mein Anspruch an mich ist, dass ich meine ganze Erfahrung der letzten 25 Jahre einbringe, meinem Instinkt folge und somit sicherstelle, dass die Sachverhaltsermittlung effizient abläuft – unter Wahrung der Vertraulichkeit von Informationen. Diese Methode führt zur Effizienzsteigerung des Gesamtprojektes in dem der Fokus gesetzt und der Fächer an Hypothesen trotzdem partiell geöffnet wird.


Effizienz durch Vertraulichkeit und Vertrauen.

In dem Sinne, Ihre investigative

Sonja Stirnimann


PS: Wir können Wissen überall "downloaden", einsehen, anfordern. Die Kunst besteht jedoch darin zu definieren, was wir wissen müssen und wollen. Was sind unsere Quellen? Welchen vertrauen wir und sind nützlich für die Wahrnehmung unserer Verantwortung?

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