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Bis jetzt haben wir Glück gehabt — doch wie lange noch?
Beitrag von Eva Geel, Greenpeace Atomkampagne

Stundenlang bei künstlichem Licht vor Tausenden von Knöpfen und Hebeln zu sitzen und — obwohl nichts passiert — immer bei der Sache sein, beobachten, aufpassen, konzentriert bleiben. Plötzlich leuchten Dutzende von Alarmlämpchen auf, und in Sekunden kommen Hunderte dazu. Dann gilt es, kaltes Blut zu bewahren und in kürzester Zeit die richtigen Entscheidungen zur treffen. Dies ist umso schwieriger, als die Operateure nicht in den Reaktor hineinblicken können, sondern versuchen müssen, das Geschehen über die Anzeigen und Signale zu interpretieren — richtig oder falsch.

Arbeiter in Atomanlagen verrichten eine verantwortungsvolle Aufgabe. Dementsprechend gross sind die Probleme, die auftreten können, wenn sie Fehler machen. Das zeigen jüngste Beispiele aus Japan und Deutschland, bei denen es zu Explosionen, Fälschungen und Freisetzung von Radioaktivität kam — teilweise mit Todesfolge.

Und in der Schweiz?
Die Statistik der schweizerischen Sicherheitsbehörde HSK zeigt: Fehlerhaftes menschliches Verhalten in Atomkraftwerken wird unter dem Strich immer häufiger. Bereits in der Vergangenheit mussten 60 Prozent der Vorfälle auf fehlerhafte Operateurhandlungen zurückgeführt werden. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Aufsichtsbehörde HSK, die Zwischenfälle zwischen 1981 und 1992 untersucht hat. An der unrühmlichen Spitze lag dabei Leibstadt mit 24 Fehlhandlungen. Bei Fehlern des Managements und in der Organisation lag Beznau an der Spitze, gefolgt von Mühleberg.(Ein Vergleich zwischen den beiden Angaben ist allerdings nur bedingt möglich, da die Definition von «Human factor» sehr unterschiedlich sein kann.)

Die Gründe für menschliches Versagen sind vielfältig. Sie liegen u.a. bei Fehlern des Managements (z.B. wegen Kosten- und Spardrucks), im Arbeitsalltag (ermüdende Schichtarbeit, mangelhafte Beschreibungen von Abläufen, unklar gestalteter Arbeitsplatz), in zu grossem Sicherheitsgefühl und natürlich beim Individuum (Übermüdung, Gruppendruck, private Probleme).

Kostendruck und Sicherheit:
1998 gab Kurt Küffer, der damalige Direktor der NOK, den Tenor in der Atombranche durch. Er sagte: «Für lediglich Wünschbares gibt es keinen Raum mehr. Die Devise heisst vielmehr: So sicher wie genügend, nicht so sicher wie technisch möglich.» Drei Jahre später, im November 2001, forderte Hans Achermann, Geschäftsleitungsmitglied bei der Leibstadt-Betreiberin EGL und Präsident des Unterausschusses Kernenergie, in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger: «Die Sicherheitsbehörden werden unter dem Druck der Öffentlichkeit immer kritischer und verlangen immer mehr. » Dies schlage sich auf die Rechnung der Betreiber und damit auf den Strompreis nieder. Dabei würden die AKW-Betreiber bereits jetzt für vollumfängliche Sicherheit sorgen. Und Gösgen-Chef Hans Fuchs forderte an einem HSK-Symposium in Würenlingen gar, dass das Budget der Sicherheitsbehörde zusammengestrichen und die bisherigen Sicherheitskontrollen von den Unternehmen durchgeführt werden müssen. Gösgen weigerte sich zudem lange, die von der HSK geforderten Sicherheitsmassnahmen umzusetzen.

Wenn Sicherheit der Wirtschaftlichkeit untergeordnet wird, hat dies Folgen. Das zeigt sich zB. in Leibstadt, dem grössten AKW der Schweiz, auf dem nicht amortisierbare Investitionen von rund 2 Mrd. Franken lasten:
Während der Revision 2001 mussten drei Kleinbrände, mögliche Risse bei Schweissnähten, ein defektes Brennelement und die bewusste Fälschung von Sicherheitsprotokollen vermeldet werden.
Was war geschehen? Bei Schweissarbeiten waren Abdeckungsplanen aufgestellt worden, die den Funkenwurf — und somit Brände — verhindern sollten. Die Zelte jedoch waren nicht feuerfest und begannen zu brennen. Pressesprecher Erne ortete kein Problem: «Wo gearbeitet wird, fliegen auch Funken.»

Am schwersten wog sicherlich die Fälschung von Sicherheitsprotokollen. Zwei Operateure hatten Kontrollgänge zwar eingetragen, aber nicht ausgeführt. Sie wurden sofort entlassen. Gegen drei Mitarbeiter mussten disziplinarische Massnahmen ergriffen werden. Hintergrund des Geschehens: Leibstadt hatte das Betriebsbudget massiv gekürzt — 2002 sank der Betriebsaufwand auf 119 Mio. Franken, rund 18 Mio. weniger als 1999. Das ging nicht spurlos am Werk vorbei. 15 Prozent der Operateure kündigten. Personalmangel war die Folge, einzelne Mitarbeiter häuften bis zu 200 Überstunden an. Kein Wunder, dass manche der verbleibenden Operateure nicht mehr motiviert waren, ihre Aufgaben vorschriftsgemäss zu erledigen.

Ebenfalls bedenklich: Während Wolfgang Jeschki, der damalige HSK-Chef in Leibstadt ein «erhebliches Defizit der Sicherheitskultur» ortete und den Vorfall als international bedeutsames Ereignis klassierte, verharmloste sein Untergebener Albert Frischknecht, Chef der Sektion Mensch, Organisation und Sicherheitskultur, wenig später das Geschehen. Er sah weder Sicherheitsmängel noch einen Personalengpass. Pikantes Detail: Frischknecht hat früher in Leibstadt gearbeitet. Überhaupt scheint man bei der HSK nicht übermässig besorgt: Friedrich Kaufmann, bei der HSK zuständig für Leibstadt, bezeichnete die Brandserie zwar als Schlamperei. Aber er ist überzeugt: «Leibstadt ist nun sensibilisiert. Da wird es frühestens in drei Jahren wieder brennen.» (Vgl. dazu Energie und Umwelt, März 2002)
Mit anderen Worten: Bald wäre es wieder so weit...

2002 jedenfalls stach Leibstadt mit fünf Vorkommnissen schon wieder unrühmlich heraus (Beznau 1 und 2 hatten gemäss HSK-Medienmitteilung je eins zu vermelden, Mühleberg zwei und Gösgen keines).

Gefährliche Selbstzufriedenheit:
Unter Fachleuten beinahe sprichwörtlich ist die «Bunkermentalität» Gösgens, das Gefühl der Überlegenheit. Just dies jedoch kann nach nach den Erkenntnissen der Psychologie gefährlich werden. Denn je sicherer man sich fühlt, desto grösser wird die Neigung zum Risiko. Dies wurde beispielsweise bei der Einführung der ABS-Bremssysteme bei Autos beobachtet — die AutomobilistInnen fuhren nicht besser, sondern einfach riskanter mit dem neuen System.

Dieses Prinzip gilt auch in AKWs: Die deutsche Störfall-Kommission hat beobachtet, dass Operateure, die in so genannt sicheren Atomkraftwerken arbeiten, zunehmend schlampiger mit Sicherheitsvorschriften umgehen. Zudem stellte sie fest, dass Operateure in «sicheren» Werken die Angst entwickeln, dem Ernstfall nicht mehr gewachsen zu sein. Der Psychologe Bernhard Wilpert von der Technischen Universität Berlin drückt es an einer Tagung der Schweizerischen Vereinigung für Atomenergie so aus: «Je zuverlässiger eine automatisierte Anlage ist, desto ungeübter wird der Operateur.»

Die Untersuchungsmissionen der Internationalen Atomenergiebehörde verlangen denn auch regelmässig, dass die Schweizer Werke selbstkritischer werden müssten. Zur unkritischen Selbstzufriedenheit der Schweizer Betreiber gehört auch der Umgang mit der eigenen Geschichte. So portiert die Industrie in Inseraten und auf Plakaten gerne das Bild der sicheren Kernenergie. Unter den Teppich gekehrt wird u.a., dass die Atomenergie in der Schweiz gleich mit einem GAU angefangen hat, 1969 im Versuchsreaktor Lucens. Nur die Tatsache, dass der Meiler unterirdisch gebaut war, verhinderte die Katastrophe. Ursache: Menschliches Versagen. Zwei Jahre später 1971 brannte es in Mühleberg — man hatte den Reaktor minutenlang nicht mehr unter Kontrolle. Nur mit Glück konnte ein schwerer Unfall vermieden werden. Und 1986, kurz nach Tschernobyl, wurde in Mühleberg bei der so genannten Filterpanne Radioaktivität freigesetzt. Ursache? Defekte Filter. Wieviel Radioaktivität ist freigesetzt worden? Weiss man nicht — das Messgerät war ebenfalls kaputt. Oeffentlichkeit informiert? Nein, denn «wir benachrichtigen die Presse auch nicht, wenn bei uns ein Wasserhahn tropft», wie der Vizedirektor Mühlebergs damals zu den Medien sagte.

1995 dann leckte im AKW Leibstadt eine falsch installierte Speisewasserleitung. Radioaktives Wasser trat aus. Auch hier wurde die Öffentlichkeit nicht informiert. Zur selben Zeit wirft ein Insider Beznau vor, dass im Werk Drogen missbraucht und Kabel falsch und schludrig verlegt worden sind. Die Vorwürfe werden abgestritten, stellen sich aber später als wahr heraus.

«Human Factor» nicht im Griff:
Bis jetzt haben wir in der Schweiz Glück gehabt — doch wie lange noch? Die US-amerikanische Behörde NRC — die Nuclear Regulatory Commission — jedenfalls kommt zum Schluss, dass eine nächste Atomkatastrophe vermutlich durch den Fehler eines Arbeiters eingeleitet wird. Auch Lothar Hahn, der Geschäftsführer der deutschen Gesellschaft für Reaktorsicherheit, ist überzeugt, dass das Thema Sicherheitskultur das «drängendste in der nahen Zukunft» sei. Er muss es wissen, denn im hochgelobten Industriestaat Deutschland haben sich in letzter Zeit gravierende Störfälle aufgrund menschlichen Versagens gehäuft, am schlimmsten in Philippsburg und Brunsbüttel. Und Wolfgang Jeschki, der ehemalige Direktor der Aufsichtsbehörde, schrieb in seinem Abschiedswort zur Frage menschlichen Versagens: «Sind wir in der Schweiz vor solchen Vorkommnissen geschützt? Sicher nicht!»

Es gibt mannigfache Probleme, die zu menschlichem Fehlverhalten in einem Atomkraftwerk führen können, auch in der Schweiz. Dazu gehören zunehmender Kosten- und Spardruck bei den Betreibern, dazu gehört, dass die Betreiber die Aufsichtsbehörde schwächen wollen, um unliebsame Forderungen nach mehr Sicherheit zu umgehen. Und dazu gehört, dass an einem Arbeitsplatz Spannungen mit Vorgesetzten oder Mitarbeitern nicht zu verhindern sind, oder dass Schichtarbeit und Übermüdung die Reaktions- und Konzentrationsfähigkeit markant mindern. Und dazu gehört, dass Menschen keine Maschinen sind. Sie lassen den Hangover vom Geburtstagsfest oder die Sorge um ein krankes Kind nicht vor dem Werkstor stehen.

An einer Atom-Fachtagung in Würenlingen musste der heutige HSK-Direktor Ulrich Schmocker die Frage beantworten, was denn im Umgang mit menschlichem Versagen helfe. Nach längerem Schweigen: «Das ist keine einfache Frage.» Denn man gehe davon aus, dass ein Werk im Normalfall richtig funktioniere. Es gebe «aber genügend Beispiele dafür, dass der Normalfall gar nicht Basis ist im Betrieb».

Oder, wie es der Psychologe Harold Schaub in seinem Aufsatz «Menschliches Versagen — die Rolle des FaktorsMensch’ bei grosstechnischen Katastrophen aus psychologischer Sicht» auf den Punkt gebracht hat: Wenn man feststellt, dass es vier Möglichkeiten gibt, die etwas schief gehen lassen können, und man diese ausschaltet, wird sich bestimmt noch eine weitere finden lassen.

Mit Verlaub, das ist keine Ausgangslage, die ein sicheres Funktionieren der Schweizer Atomkraftwerke während der nächsten Jahrzehnte garantiert. Die Studie des Oeko-Instituts zeigt, dass weder Betreiber noch Behörden das Risiko menschlicher Fehlhandlungen im Griff haben. Zu vielfältig sind die Möglichkeiten von Irrtümern, Fehlern und Regelverletzungen.

Da gibt es nur eine Lösung: Die Atomkraftwerke geordnet abzustellen und damit das ungeheure Katastrophenpotential aus der Welt zu schaffen. Uns bleibt derweil zu hoffen, dass uns das Glück bis dann treu bleibt.