Einfluss des «Faktors Mensch»
auf die Sicherheit von Kernkraftwerken
Beitrag von Stephan Kurth, Oeko-Institut, Darmstadt,
zur Studie „Einfluss des Faktors Mensch auf die Sicherheit
von Kernkraftwerken (siehe unten -> Downloads). Die Studie wurde
vorgestellt an der Pressekonferenz vom 17. Januar 2003.“
«Human Factor» ist besonders in Kernkraftwerken
relevant
«Human Factor» ist in allen technischen Systemen im
Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine relevant. Besonders anfällig
sind komplexe technische Systeme, wie z.B. Kernkraftwerke, wegen
der Vielzahl Anforderungen und der Eingriffsmöglichkeiten.
In Kernkraftwerken bestehen besondere Anforderung an Fehlerfreiheit
wegen der möglichen Tragweite von Fehlern.
Alle Fehler und Störungen
können letztlich auf «Human Factor» zurückgeführt
werden
Sofern man «Human Factor» nicht nur unmittelbar auf
die Bedienung oder den Betrieb der Anlage einschränkt, sondern
auch weitergehende Einflüsse betrachtet, z.B. bei der Konzeption
und Auslegung, lässt sich letztlich jeder Fehler auf einen
«Human Factor» zurückführen. Für die
Bewertung der Sicherheit von Kernkraftwerken sind sowohl technische
Aspekte (System- bzw. Komponentenverhalten) als auch individuelles
Verhalten sowie das Umfeld und der organisatorische Rahmen entscheidend.
Zu den äusseren Einflussfaktoren gehört beispielsweise
die Gewinnoptimierung. Da nur wenige Kostenfaktoren im Betrieb unmittelbar
beeinflusst werden können, wird insbesondere versucht, durch
Optimierung der Instandhaltung Kostenvorteile zu erringen. Dabei
nimmt man Schäden resp. Ausfälle von Komponenten in Kauf.
Das bedeutet aber immer auch eine Schwächung des Sicherheitskonzepts.
Personalhandlungen sind auf allen
Sicherheitsebenen im Kernkraftwerk erforderlich oder möglich
Das Sicherheitskonzept für die Auslegung von Kernkraftwerken
(auch in der Schweiz) umfasst Sicherheitseinrichtungen auf verschiedenen
Ebenen (betriebliche Einrichtungen, Begrenzungseinrichtungen, Sicherheitssysteme,
Vorkehrungen bei auslegungsüberschreitenden Ereignissen). Eingriffe
des Menschen sind auf allen Ebenen, wenn auch in unterschiedlichem
Umfang, erforderlich oder möglich. «Human Factor»
ist demzufolge auf allen Sicherheitsebenen relevant.
«Human Factor» ist
nicht vorhersagbar
«Human Factor» lässt sich grundsätzlich nicht
ausschliessen. Ein Kennzeichen menschlicher Handlungen ist Kreativität,
die positiv oder negativ zum Tragen kommen kann. Art und Zeitpunkt
von Fehlhandlungen lassen sich nicht mit Sicherheit vorhersagen.
Ein Kennzeichen ist auch die Möglichkeit, sich über bestehende
Regelungen hinwegzusetzen und Barrieren zu umgehen.
Fehlerfreiheit durch Absicherung
menschlicher Handlungen ist nicht möglich
Eine vollständige Absicherung menschlicher Handlungen durch
technische Vorkehrungen oder administrative Regelungen ist nicht
möglich. Durch Optimierung der Technik (z.B. Automatik, Überwachungseinrichtungen),
der Personalhandlungen (z.B. Ausbildung, Training) und der Schnittstelle
zwischen Mensch und Maschine sowie der Sicherheitskultur kann eine
Minimierung von Fehlern und deren Auswirkungen angestrebt werden.
Die Schwierigkeit besteht jedoch darin, dass nicht vorhergesagt
werden kann, wann, wo und in welcher Kombination Fehler auftreten.
Die Modellierung von «Human
Factor» weist grosse Unsicherheiten auf und hat enge Grenzen
Die Schweiz hat ein kerntechnisches Regelwerk, das in Teilbereichen
probabilistisch aufgebaut ist und diesbezüglich verbindliche
Vorgaben enthält. Für probabilistische Analysen, die Häufigkeiten
von Schadenszuständen ermitteln, ist auch eine Modellierung
der dabei relevanten Personalhandlungen erforderlich. Problematisch
ist, dass die Modellierung von menschlicher Handlung und Fehlerhäufigkeiten
mit grossen, z.T. nicht quantifizierbaren Unsicherheiten, behaftet
ist. Grenzen ergeben sich daraus, dass nur bekannte Situationen
(fertigkeitsbasiertes und regelbasiertes Verhalten) erfasst werden,
neuartige Abläufe (wissensbasiertes Verhalten) bleiben unberücksichtigt.
Fahrlässige und vorsätzliche Fehler können nur unzureichend
berücksichtigt werden. Einflüsse von Organisation und
Management (Sicherheitskultur) sind quantitativ nicht fassbar.
Die Aussagekraft probabilistischer
Ergebnisse ist zweifelhaft
Die Aussagekraft von probabilistischer Gesamtaussagen zur Sicherheit
ist zweifelhaft, da Human Factor nicht in gleicher Weise modelliert
und berücksichtigt werden kann wie verschiedene andere, rein
technische, Einflussgrössen. Dadurch entsteht ein Defizit bei
der Sicherheitsbewertung, das nicht kompensiert werden kann. In
Störfallsituationen nimmt die Zahl der ungeplanten Handlungen
und nicht vorhersagbaren Situationen zu. Genau diese Aktionen lassen
sich jedoch mit den gängigen Verfahren nicht erfasssen.
Der Einfluss von «Human
Factor» auf die Sicherheit von Kernkraftwerken ist nicht zu
vernachlässigen
Wegen der grossen Unsicherheiten bei der Erfassung und Quantifizierung
von «Human Factor», kann damit nicht belegt werden,
dass «Human Factor» nur einen vernachlässigbaren
Einfluss auf die Sicherheit bzw. Unsicherheit von Kernkraftwerken
hat. Es besteht eine grosse Bandbreite, in der das Risiko durch
Human Factor nicht exakt eingeordnet werden kann. Dies ist im Hinblick
auf eine Entscheidungsfindung schwierig. Ausschlaggebend ist dann,
welches Mass an Sicherheit für erforderlich gehalten wird bzw.
welches Mass an Unsicherheit zugemutet werden soll.
Die Erfahrungen mit der Kerntechnik weltweit beweisen, dass «Human
Factor» tatsächlich zu Ereignissen mit schwerwiegenden
Folgen beiträgt und insofern ein wesentliches Risiko in Kernkraftwerken
darstellt. Bei den bekannten Unfällen mit schweren und z.T.
katastrophalen Folgen war «Human Factor» wesentlich
an den Ursachen beteiligt.
Bei der Bewertung der Sicherheit
von Kernkraftwerken muss «Human Factor» als Risikoaspekt
gleichberechtigt mit anderen Risikoaspekten kommuniziert und berücksichtigt
werden. Die derzeitige Beschränkung der menschlichen Zuverlässigkeitsanalyse
auf geplante Handlungen führt zu Ergebnissen, die die Bedeutung
des menschlichen Faktors in unangemessener Weise vernachlässigen.
Quantitative Aussagen über die Wahrscheinlichkeit schwerer
Kernschäden sind zur Beschreibung der Sicherheit von Kernkraftwerken
unter Berücksichtigung des Einflusses des «Faktors Mensch»
nicht geeignet und können zu Fehleinschätzungen führen. |